Am Anfang war das Wort


Wo lebe ich eigentlich?

29.04.2016 - Ein Experiment der alternativen Art. Wie manchmal das Scheitern im Grossen einen kleinen Schritt weiter führt. Klingt sehr klug, ist aber einfach und tut gut. Nicht viel geleistet, aber zwei spannende Gedanken gefunden.

Adrian, ihr wisst es, ist eine Quelle stetiger Kreativität und immer zu haben für ein neues Abenteuer. So war ich nicht überrascht, doch wieder einmal hocherfreut, als er mir sein neustes Projekt vorstellte: eine Woche alle Strecken nur zu Fuss gehen. Natürlich wollte ich da mitmachen, kann ich mich doch nicht erinnern, dass auch nur eine solche Idee nicht in einer Geschichte endete, die noch lange verdient erzählt zu werden.

Doch ein Blick auf meinen Kalender zeigte mir, dass es eigentlich keine Woche gibt, die da gut passen würde für ein solches Projekt. Zum Glück hatte Adrian schon eine bestimmt. Meine sehr ernüchternde Bilanz dieser Woche: Montag musste ich von Bregenz nach Adliswil für eine Radiosendung, am Dienstag nach Zürich Altstetten, ebenfalls für eine Sendung und am Freitag noch Landsberg am Lech in Bayern. All das war natürlich à pied nicht zu schaffen. Die restlichen Wege wollte ich aber wirklich zu Fuss gehen, ca. 45 Minuten Weg zur Arbeit und dann am Abend zurück. Zur Bewältigung dieser Strecke brauchte ich wirklich nicht die Kräfte meiner grossen (Jugend-) Idole wie Achilles und Aragorn. Dies machte es auch ein bisschen weniger attraktiv – auf den ersten Blick. Und dennoch werde ich auch in Zukunft immer mal wieder solche Spaziergänge einbauen, denn ich habe echt einiges lernen dürfen. Zwei Gedanken möchte ich mit euch teilen.

Wo lebe ich eigentlich? Diese Frage mag nun ein bisschen sehr philosophisch, gar künstlich klingen. Und dennoch hat sie mich jeden Tag beschäftigt. Wie kann es sein, dass ich jeden Tag Strecken zurücklege, die ich nur dank viel Technik schaffe. Das ich versuche, überall zu sein, oft fast gleichzeitig. Ich möchte es gar nicht negativ werten. Ehrlich, auch ich bin herzlich froh, dass ich nicht erst ein Mamut jagen und zerlegen muss, bevor ich meine tägliche Ration heissgeliebtes Fleisch bekomme. Auch ich bin Steve Jobs von Herzen dankbar, dass wenn ich im Sonnenuntergang am See sitzend nicht auf Haydens „Schöpfung“ verzichten muss, so wundervoll eingespielt von Harnoncourt. Auch ich bin froh, dass ein kluger Erfinder Videotelefonie erfunden hat und ich so die Distanz zu meiner Freundin, die sechs Stunden von mir entfernt wohnt, für eine kurze Zeit ein bisschen weniger spüre. Oh ja, der Mensch hat wirklich grosses geschafft. Und dennoch, wo lebe ich? Es tut gut, eine Strecke zu Fuss zurückzulegen, und zu spüren, dass mich ein Schritt nur genau einen Schritt weiterbringt. Und, dass wenn ich trotzdem am Ziel ankommen möchte, ich den nächsten und den nächsten Schritt tun muss. Das Vieles der Zeit bedarf um zu werden. Oft wird heute darüber geredet, dass die Jugendlichen ihre Wurzeln verlieren. Und so, wie jede Pflanze ohne Wurzel schon beim ersten Windstoss umfällt und bei der ersten kleinen Dürre eingeht, so ist das auch ein bisschen bei uns Menschen, so glaube ich mindestens entdeckt zu haben. Und wirklich, ich bin in einem bäuerlich geprägten Voralpental aufgewachsen, kann aber weder jodeln, noch eine Kuh melken, noch das Wetter am Wolkenzug erkennen. Das wäre ja noch zu verkraften. Aber es geht soweit, dass ich die meisten Menschen nicht mehr kenne, die im gleichen Dorf mit mir wohnen. Doch wie sollen denn meine Wurzeln wachsen, wenn ich immer gleich wieder losrennen muss. Wo lebe ich? Reicht mir der Ort, an dem ich bin oder treibt nicht die Hoffnung auf noch etwas cooleres, abgefahreneres oder beglückenderes mich gleich wieder weiter. Das ist meine Erfahrung und vielleicht auch nur mein Problem. Vielleicht aber lohnt es sich für den einen oder anderen auch einmal darüber nachzudenken.

Und mein zweiter Gedanke, der nun kürzer und weniger hochgestochen ist. Es tut einfach gut, die Natur zu spüren. Es gibt nichts besseres als einmal so richtig nass zu werden. Ich verspreche euch, am Abend nach Betonmauern und matten Bildschirmen mit einigen Sonnenstrahlen beschenkt zu werden ist besser als alles was Facebook und Instagram zu bieten haben. Nach dieser Woche konnte ich schon einige Vogelstimmen gut unterscheiden. Wann habt ihr das letzte mal dem Zwitschern zugehört? Und damit meine ich nicht Twitter! Kennt ihr diesen beglückenden Geruch von frischem Gras oder von einem blühenden Kirschbaum? Echt Leute, da gibt es etwas zu entdecken.

Auch wenn Adrian und ich weit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben sind, ich bleibe dabei: Füsse die gebraucht werden wollen!!

Wagt auch ihr wieder einmal eure Füsse zu gebrauchen? Dann erzählt uns doch von euren Erfolgen oder Misserfolgen, Entdeckungen und Erlebnissen.

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