Am Anfang war das Wort


Den Falschen heiraten

15.06.2016 - Jeder von uns heiratet den Falschen. Romantisch? Nein. Realistisch? Ja. Tragisch? Nicht wirklich. Über Romantik und Realität in der Ehe.

Puh, schon wieder fünf Wochen vergangen seit dem letzten Eintrag – das Leben mittendrin lässt halt doch nicht so viel Zeit zum Schreiben wie ich dachte!

Zwischen Schlechtwetterprogramm für Dreikäsehochs, und mehr oder minder aufregenden Alltagsdingen ist mir allerdings kürzlich ein journalistisches Goldstück in die Hände gefallen, das man der deutschsprachigen Welt nicht vorenthalten sollte. Es handelt sich um einen Artikel über die Realität der Ehe, erschienen in der New York Times, die für ihr traditionelles Familienverständnis nicht gerade bekannt ist. Aber es gibt eben Wahrheiten, die gelten für alle.

Der Autor (und Atheist) Alain de Botton wirbt in Why You Will Marry The Wrong Person für eine „Philosophie des Pessimismus“, die sich verabschiedet von der romantischen Idee, dass der (oder die) „Richtige“ jede Lücke ausfüllen, jede Sehnsucht stillen muss. Vielmehr sollte man sich mit Humor und Realismus der Tatsache stellen, dass man eine fehlerhafte Person heiratet, mit deren Macken und Mühsamkeiten man auskommen muss – genauso, übrigens, wie der Ehepartner mit den eigenen!

"We need to swap the Romantic view for a tragic (and at points comedic) awareness that every human will frustrate, anger, annoy, madden and disappoint us — and we will (without any malice) do the same to them. There can be no end to our sense of emptiness and incompleteness. But none of this is unusual or grounds for divorce. Choosing whom to commit ourselves to is merely a case of identifying which particular variety of suffering we would most like to sacrifice ourselves for."

Der Richtige ist damit nicht derjenige, der mich perfekt ergänzt, sondern derjenige, der die Unterschiede bei Auffassungen, Geschmäckern und Gewohnheiten großzügig erträgt und die Fähigkeit besitzt, Kompromisse zu verhandeln und Lösungen zu finden. Freundlichkeit und die Bereitschaft zu verzeihen sind dabei unverzichtbar - genauso (wie tröstlich!) wie die Fähigkeit zu Lachen, über das gemeinsame unbeholfene Gestolper durch den Alltag der Ehe, auf ein reifes Annehmen der ganzen Person zu.

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