Am Anfang war das Wort


Liebe Maria

05.11.2015 - Magdalena schreibt einen Brief an die Mutter Gottes mit ein paar ehrlichen Fragen von Mutter zu Mutter.

Liebe Maria,

ich hoffe, Du verzeihst mir die schlichte Anrede, aber ich halte Dich für eine Frau, die das Schlichte mag.
Ich habe in meinem Leben einiges über Dich erfahren, über Dein Leben, Dein Wesen und darüber, wie Du auf unser Leben Einfluss nimmst. Für mich war das immer abstrakt, aber seit ich selbst Kinder habe, denke ich über Dein Leben anders nach. Deshalb schreibe ich Dir heute von Mutter zu Mutter, frei von der Leber weg.

Du bist mit fünfzehn Jahren schwanger geworden. Das war wohl für damalige Verhältnisse kein außergewöhnliches Alter. Aber Du warst nicht verheiratet, sondern verlobt. Und das Kind war nicht von Deinem Verlobten, sondern vom Heiligen Geist und außerdem angeblich der Sohn Gottes! Ich bewundere Deine Offenheit. Bei mir wäre Gott wohl nicht weit gekommen mit seinen Heilsplänen. An Deiner Stelle hätte ich den Engel ruckzuck als Halluzination abgetan und ihm außerdem kein Wort geglaubt. Wer glaubt schon so etwas!?

Auch von Deinem so tief gläubigen Verlobten konntest Du nicht erwarten, dass er diese Nachricht ernst nimmt. Abgesehen davon warst Du in höchster Gefahr – nicht nur, dass Du allein dagestanden wärst, wenn er Dich verstoßen hätte, Du wärst als unverheiratete Schwangere als Ehebrecherin bezeichnet und gesteinigt worden. (Dass zum Kinderkriegen zwei gehören war damals wohl noch nicht hinreichend bekannt...)

Ich bin sicher, dass Dir das alles bewusst war, oder zumindest bald bewusst geworden ist. Aber Du hast Dein Ja gegeben und es nicht zurückgezogen.

Gott sei Dank hat auch Josef jeden modernen, liberalen Frauenversteher alt aussehen lassen und ist bei Dir geblieben. Nicht, dass er nicht gezweifelt hätte – er hatte sogar schon geplant, sich von Dir zu trennen. Allerdings in aller Stille, um Dein Leben zu schützen und Dich vor öffentlicher Demütigung zu bewahren. Er hat wohl gehofft, Du könntest irgendwo unterkommen, bis das Kind da ist. Aber dann hat auch er im Traum diese eigentlich vollkommen absurde Nachricht bekommen und ihr geglaubt.

Ich weiß nicht, ob wir das heute noch könnten. Wir leben in einer Welt, wo es wenige Minuten dauert, um einen schnellen Faktencheck im Internet durchzuführen. Wir glauben nichts „einfach so“, wollen alles bewiesen haben. Eure Kultur war voller Geschichten. Wissen wurden durch Erzählungen weitergegeben, die wenigsten konnten lesen und man musste den Gelehrten glauben. Außerdem muss es wohl so gewesen sein, dass man die Wahrheit in diesen Engelsbotschaften gespürt hat.

Ich bin froh, dass es so war, sonst wäre Gott ein zu großes Risiko eingegangen, seinen ziemlich verrückten Heilsplan von Eurer Zustimmung abhängig zu machen. Findest Du nicht? Unsere Erlösung in Gang zu bringen, indem er sich selbst in der verletzlichsten Form in die Welt schickt, als ungeborenes Kind einer unverheirateten Frau, das konnte nur er sich ausdenken. Jeder andere hätte einen unübersehbaren Messias geschickt, mit Fanfaren und Scheinwerferlicht.

Ich habe noch viele Fragen an Dich. Zur Geburt Deines Kindes, zu Eurer Flucht, zur Kindheit des kleinen Jesus.
Ich schreibe Dir wieder. Grüß Deine Familie.

Deine Magdalena

Kommentare