Am Anfang war das Wort


Gelassenheit durch einen Reifen

01.04.2016 - Autobahn A1 in Richtung Wien. Kurz vor der Abfahrt Steinhäusl fuhr ich auf der Überholspur. Ziemlich spießig – 135 km/h. Und wie aus heiterem Himmel tauchte hinter einer Kurve ganz links auf meiner Spur ein LKW-Reifen auf... Auf der mittleren Spur neben mir ein anderes Auto. Gott sei Dank – ich konnte gerade noch ausweichen. Es war aber sehr knapp...

Ich fuhr dann gleich von der Autobahn ab und wählte den Notruf. Die wussten schon von dem Reifen – na toll – ich wäre trotzdem fast draufgegangen...

Mich bringt aber beim Autofahren so etwas nicht aus der Ruhe. Es ist für mich normal, dass ich dann einfach weiterfahre. So was kann ja passieren... Ich fuhr also, wie immer in solchen Situationen, weiter.
Nach zehn Kilometern war die Autobahn ein Stück weit dreispurig – es gibt das eine ziemliche Steigung auf der A23 nahe Heiligenkreuz. Da fuhr ich seelenruhig auf der mittleren Spur. Irgendwann ging die Steigung zu Ende und aus der wurden zwei Spuren... Einer auf dieser dritten Spur hat es glaub ich nicht richtig gecheckt und mich noch dazu nicht bemerkt. Vollbremsung... Echt ätzend! Am gleichen Tag gleich zwei Mal so nahe am Himmel gewesen!
Naja, an jedem anderen Tag wäre ich einfach weitergefahren. Aber an diesem Tag habe ich mir überlegt, dass es wahrscheinlich weiter auf der Autobahn nicht unbedingt entspannter zugehen wird. So habe ich kurzerhand die nächste Ausfahrt genommen und bin weiter auf der Bundesstraße nach Hause gefahren.

Ich habe mich echt geärgert, weil das nicht so mein Stil ist: aufgeben. Ich merkte aber, dass mich das ganze doch ziemlich aufgewühlt hatte. Mehr als ich zugeben wollte... Als ich zu Hause ankam, war ich einfach sehr entspannt – es war die Gelassenheit, dass ich das Richtige getan hatte. Sonst wäre ich nach der Fahrt ziemlich unmöglich zu meinen Brüdern gewesen.

Warum ich das erzähle? Weil ich da eine geistliche Wahrheit erkenne. Ich habe im Laufe meines Ordenslebens gelernt, dass ich den Ansprüchen anderer nicht entsprechen muss. Das war eine harte Schule! Ich war immer überzeugt gewesen, dass ich alles perfekt machen muss, dass ich keine Fehler machen sollte... Gott hat mir aber gezeigt, dass ich mein Leben gelassen nehmen darf. Er schaut mein Leben an und es bringt ihn nicht aus der Ruhe, dass ich irgendetwas nicht geschafft habe.
Diese seine Gelassenheit ist etwas, was mich schon immer fasziniert hat. Wie kann er so seelenruhig dasitzen und nichts unternehmen, wenn so viel Scheitern in meinem Leben vorhanden ist? Manchmal bin ich daran schuld, manchmal die anderen – unwichtig. Was ich aber von ihm gelernt habe, ist, dass ich nichts leisten muss, um geliebt zu werden. Diese Erkenntnis gibt Raum für Gelassenheit.
So hat mich ein Reifen auf der Autobahn daran erinnert, dass ich geliebt werde und dass ich gelassen auf meine Schwächen blicken kann. Keine große Aufregung. Nur ein Reifen. So konnte ich einen schönen Abend mit meinen Brüdern verbringen. Und das waren mir die 10 Minuten länger im Auto wert. Kleine Dinge können doch an die großen erinnern...
Mein Tipp: Bei großer Aufregung versuche, einen anderen Weg einzuschlagen. Das gibt echt die Möglichkeit, dass Gott durch seinen Blick dein Leben verändert.

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